Ruhrgebiet/NRW, 19. Oktober 2026.
Deutschland diskutiert über steigende Pflegekosten, Beitragssätze und Eigenanteile. Dabei droht die entscheidende Frage unterzugehen: Wer soll künftig eigentlich noch pflegen?
Beim jüngsten „Talk am Förderturm“ mit dem Gesundheitsökonom und Pflegeexperten Heinz Rothgang wurde deutlich: Nicht allein das Geld, sondern die zunehmende Knappheit professioneller Pflegekräfte und pflegender Angehöriger bedroht die Versorgung.
Umso widersprüchlicher ist es aus Sicht der Arbeitgebernetzwerke, wenn die Bundesregierung mit dem Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) ausgerechnet bestehende Versorgungsangebote wirtschaftlich gefährdet.
Tausende Arbeitsplätze in Gefahr – Tarifflucht wird zum Geschäftsmodell
Die geplante Neuordnung der Betreuungs- und Entlastungsleistungen im Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) gefährdet nach Einschätzung der Ruhr-gebietskonferenz-Pflege und ZukunftPflege NRW allein in Nordrhein-Westfalen Tausende Arbeitsplätze in ambulanten Pflegediensten. Die Rückmeldungen aus der Praxis zeigen: Unternehmen verlieren die wirtschaftliche Grundlage für bestehende Betreuungsangebote. Personalabbau und die Aufgabe von Leistungen stehen im Raum.
Dabei verschwindet der Betreuungsbedarf nicht. Stattdessen eröffnet die Reform einen Wettbewerb, in dem etablierte Pflegedienste gegenüber Anbietern ohne vergleichbare Tarifbindung ins Hintertreffen geraten. Ausgliederungen in neue Gesellschaften werden zur wirtschaftlichen Ausweichstrategie. Tariflich abgesicherte Beschäftigung gerät unter Druck.
„Die Bundesregierung beklagt den Fachkräftemangel und setzt gleichzeitig Tausende Arbeitsplätze aufs Spiel. Sie drängt tariflich bezahlte Betreuung aus den Pflegediensten und macht Tarifflucht zum Geschäftsmodell. Das ist das Gegenteil einer zukunftsfähigen Pflegepolitik.“
Für die betroffenen Menschen bedeutet das den drohenden Verlust vertrauter Betreuung und eingespielter Versorgungsstrukturen. Die Arbeit verschwindet nicht. Sie wird anders organisiert, schlechter abgesichert oder auf Angehörige abgewälzt.
Pflege braucht eine Strukturreform – keine Sparoperation.
Weniger Versicherungsleistungen bedeuten nicht weniger Pflegebedarf. Was künftig nicht mehr finanziert oder professionell erbracht wird, müssen andere auffangen – vor allem Angehörige, Beschäftigte und Pflegebedürftige selbst. Ausgerechnet Menschen, die schon heute an ihren Belastungsgrenzen arbeiten, sollen zusätzliche Lasten tragen. Und die Zahl der Menschen, die Pflege übernehmen können, wird im Verhältnis zum wachsenden Bedarf weiter sinken.
Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege und ZukunftPflege NRW fordern deshalb einen grundlegenden Umbau des Pflegesystems: Sektorengrenzen einreißen, das zersplitterte Leistungsrecht radikal vereinfachen, überflüssige Bürokratie abbauen und die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen konsequent am tatsächlichen Versorgungsbedarf ausrichten.
Ambulant, stationär, medizinisch, pflegerisch – diese Zuständigkeitsgrenzen dürfen nicht länger bestimmen, welche Hilfe Menschen bekommen. Entscheidend muss sein, was sie brauchen und wie die Versorgung vor Ort gemeinsam organisiert werden kann.
Die Konzepte dafür liegen längst auf dem Tisch. Was fehlt, ist der politische Mut, sie umzusetzen.
„Wir stehen vor einer Operation am offenen Herzen unseres Pflegesystems. Und die Bundesregierung kommt mit dem Küchenmesser. Das PNOG verschiebt Kosten und Zuständigkeiten, statt die überholten Strukturen grundlegend zu verändern. Wir brauchen keine kosmetischen Eingriffe, sondern eine echte Strukturreform“, bringt Roland Weigel, Koordinator der Arbeitgebernetzwerke die Kritik auf den Punkt.
Auch die neue Pflegestrukturkommission wird sich daran messen lassen müssen, ob sie diesen Umbau tatsächlich auf den Weg bringt – oder lediglich neue Vorschläge für längst bekannte Probleme produziert.
Pflegebedarf lässt sich nicht wegsparen. Und ein überholtes System lässt sich nicht gesundkürzen.
Über die Initiativen
Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege und ZukunftPflege NRW sind verbandsübergreifende Arbeitgebernetzwerke der Langzeitpflege. Sie setzen sich für eine bedarfsgerechte, wirtschaftlich tragfähige und zukunftsfähige Pflegeversorgung ein.
